Die Welt des Bibliophilen und Kunstsammlers

Julius Genss

Authorin: Olena Balun

Am 11. Juli wird im Jüdischen Museum München der zweite Teil der Wechselausstellung Juden 45/90 unter dem Titel Von ganz weit weg – Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion eröffnet, in welcher ein beträchtlicher Teil dem Sammler, Bibliophilen und Kunsthistoriker Julius Genss gewidmet ist.

Julius Genss wurde 1887 in Jurjew (heute Tartu) geboren. Als Anwalt hatte er keine Zuneigung zu seinem Beruf und fing 1912 an Architektur an der technischen Universität in München zu studieren. Das Studium musste aus gesundheitlichen Gründen zwar unterbrochen werden, das Kunstleben in München, dem damals wichtigsten Zentrum der grafischen Kunst in Europa, prägte ihn stark. Dem Studium in München folgte ein längerer Aufenthalt in Moskau und eine enge Bekanntschaft mit der Avantgarde. Mit gesammelten Erfahrungen kehrte Genss 1918 nach Tartu zurück, wo er ins rege kulturelle Leben der Stadt eintauchte. Er hielt Vorlesungen an der Tartuer Kunstschule, engagierte sich für jüdische Kulturautonomie Estlands, war aktiver Mitglied von Pallas, der estnischen Gesellschaft der Künstler und Literaten.

Bis 1939 gelang es ihm eine der größten Kunstbibliotheken im baltischen Raum zusammenzutragen sowie eine große Kunstsammlung, deren größte

Abteilungen der estnischen, russischen und der jüdischen Kunst gewidmet waren.

Den Wunsch zeitgenössische jüdische Kunst zu sammeln entdeckte er im Laufe der Vorbereitung eines wichtigen Projekts in seinem Leben, der Wanderausstellung moderner jüdischer Grafik. Er setzte sich zum Ziel das Interesse der Öffentlichkeit an zeitgenössischer jüdischer Kunst zu wecken und konnte die Ausstellung Jüdische Grafik 1938/39 mit Erfolg in Tallinn, Tartu und Riga präsentieren. Der zweite Weltkrieg hinderte weitere Realisierung dieses Projektes.

1940 musste Julius Genss mit Familie in Evakuierung gehen, seine Bibliothek und Kunstsammlung wurde durch den Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg beschlagnahmt. Nach dem Krieg wurde die Sammlung ihrem Besitzer nicht zurückerstattet, sondern zwischen den einzelnen Institutionen der Sowjetunion aufgeteilt. Durch einen glücklichen Zufall bekam er jedoch einen Teil der grafischen Werke zurück, die 1938/39 in der Ausstellung Jüdische Grafik präsentiert wurden. Mit Hilfe dieses Materials rekonstruiert Jüdisches Museum die von Genss konzipierte Ausstellung Jüdische Grafik, wobei dem Betrachter neben den geretteten Kunstwerken auch die Verluste vor Augen geführt werden.

Neben der Grafik werden einzelne Raritäten der Sammlung Genss präsentiert, wie das Faksimile der Darmstädter Haggada und die Hohelied-Rolle mit Illustrationen von Ado Vabbe unter Mitarbeit von Julius Genss.

Außerdem erlaubt die Ausstellung einen Einblick in die private und berufliche Welt des Bibliophilen und Kunstsammlers.

Olena Balun

 

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