Interview zur Ausstellung

Юлия Генс на выставке еврейской Графики из собрания иудаики Юлиуса Генса. Мюнхен. Январь 2013 г. Julia Gens bei Ausstelung Judaika Sammlung von Ülius Genss. München. Januar 2013.

Autor: Julia Gens

Interview zur Ausstellung“Judaica Sammlung von Julius Genss”

Schir Haschirim (Hohelied)

Ich erinnere mich, dass das Hohelied immer in unserer Familie war. Es kam sehr selten vor, dass mein Vater diese Rolle, die fast sechs Meter lang ist, aus dem Schrank holte. Sie wurde nur Leuten gezeigt, die dieses Kunstwerk richtig schätzen konnten. Obwohl Ado Vabbe zu den bedeutendsten Künstlern Estlands gehört, wurde das von ihm illustrierte Antibiotics Hohelied nie ausgestellt.
Während meiner Arbeit, ale Restauratorin im staatlichen Restaurierungszentrum „Kanut“ in Tallinn habe ich unter der Leitung eines Lederrestaurators die Rolle restauriert.

Schir Haschirim (Hohelied), gestaltet von Julius Genss und Ado Vabbe Tartu, 1932
Tempera am Pergament, Holz, Elfenbein, 527 cm x 52,5 cm

Erinnerung

Alle Baltischen Republiken, besonders Estland, waren sehr europäisch orientiert. Ich wuchs in einer Atmosphäre von Kunst, Literatur und klassischer Musik auf. Durch finnische Fernsehprogramme, die wir in Tallinn anschauen konnten, machte mich mein Vater mit den besten Filmen der Kinogeschichte bekannt. Das besondere Haus von Lilja Brik, wo bis zum heutigen Tag meine Tante Dr. Inna Gens−Katanjan, Kunsthistorikerin und Expertin für japanisches Kino, in Moskau lebt, war für alle Intellektuelle, auch aus dem Ausland, immer offen. Dazu zählten Personen wie Wladimir Majakowsky, Alexander Rodchenko, Sergei Paradschanow, Andrei Tarkowski, Maya Plisetskaya, Yves Saint Laurent, Paul Robeson, die Schwester von Lilja Brik Elsa Triolet und ihr Mann Louis Aragon.

Identität

Ich bin in Tallinn in einer jüdischen Familie geboren. Mein Großvater Julius Genss war ein berühmter Kunst- und Büchersammler, ein bedeutender Experte der Kunstgeschichte. Mein Vater Dr. Leo Gens war Professor der Kunstgeschichte an der Kunstakademie in Tallinn. Ich studierte zuerst Restaurierung in Moskau und nach meinem Diplomabschluss studierte ich Kunstgeschichte an der Kunstakademie in Leningrad [heutiges St. Petersburg]. Ab 1982 arbeitete ich als Diplom- Restauratorin in Tallinn und bis zum heutigen Tag als freiberufliche Restauratorin in München.
Mein Vater, sowie mein Großvater waren überzeugte Atheisten. Es heißt aber nicht, dass wir uns nicht als Juden gefühlt haben. Allerdings spielte Antisemitismus in unserem Alltag immer eine große Rolle. Da mein Großvater und Vater zwei bedeutende Figuren in der Kunstgeschichte Estlands waren, gehörten wir zu den so genannten “anerkannten Juden”. Jüdisch zu sein bedeutete für mich nichts Religiöses, sondern etwas Kulturelles: Musik, Literatur, Kunst und Mentalität.

Auswanderung

Der Entschluss auszuwandern kam von meinem Mann. Er wollte immer weg aus der Sowjetunion. Aus den Fernsehnachrichten haben wir zufällig über das Programm für Bürger mit jüdischer Herkunft [Kontingengtflüchtlingsgesetz] in Deutschland erfahren. Im Februar 1991 kamen wir mit einem Touristenvisum nach Berlin. Das erste Jahr, das wir im Wohnheim verbrachten, hinterließ bei mir keine schönen Erinnerungen.
In Berlin habe ich mein Studium der Kunstgeschichte an der Freien Universität Berlin fortgesetzt. Mein Mann suchte als IT-Fachmann vergeblich nach einer Arbeit in Berlin. 1993 bewarb er sich für eine Stelle in München, bekam eine Zusage und ging zuerst alleine hin. Ein Jahr später zog unsere ganze Familie nach München um. Meine Integration verdanke ich meinen Kollegen aus dem Restaurierungsatelier von Thomas Schoeller und unseren Freunden.

Estland – meine Heimat

Ich persönlich war mit meinem Leben in Estland sehr zufrieden, aber ich konnte den Wunsch meines Mannes nicht ignorieren. Nach zwanzig Jahren in Deutschland kann ich mir mein Leben in Tallinn nicht mehr vorstellen. Trotzdem bleibt Estland meine Heimat. Auf dem jüdischen Friedhof liegen meine Eltern und Großeltern und ich besuche gerne meine Verwandten und Freunde. Ich fühle mich mit der Natur an der Ostseeküste sehr verbunden. Mich interessiert immer, was in Estland passiert.
Es ist aber traurig zu erfahren, dass die jungen Menschen in Estland sich ihre Zukunft eher im Ausland vorstellen, als in ihrer Heimat.

 

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